Die Schneekönigin - Zweite Geschichte. Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen.

In einer großen Stadt lebten ein Junge und ein Mädchen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, waren sich aber so gut, als wenn sie es wären. Die beiden besaßen einen Garten, der nur etwas größer war, als ein Blumentopf. Die Eltern der beiden wohnen in zwei Dachkammern einander gegenüber. Die beiden Dachkammern waren so nah beieinander, dass man durch ein kleines Fenster von der einen Kammer zu nächsten gelangen konnte.

Vor den Fenstern hatten die Eltern große Holzkästen mit Küchenkräutern und einem kleinen Rosenstock. In den Holzkisten wuchsen außerdem Erbsenranken. Manchmal kletterten die Kinder unter den Rosenstock und spielten miteinander. Er hieß Karl und sie hieß Gretchen.

"Das sind die weißen Bienen, die schwärmen!" sagte die alte Großmutter.

"Haben sie auch eine Bienenkönigin?" fragte der kleine Knabe.

"Die haben sie!" sagte die Großmutter. "Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen, sie ist die Größte von allen, und nie ist sie stille auf Erden, sie fliegt wieder in die schwarze Wolke hinauf. Manche Winternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und blickt zu den Fenstern hinein, und dann gefrieren diese sonderbar, gleich wie mit Blumen."

"Ja, das habe ich gesehen!" sagten beide Kinder.

"Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?" fragte das kleine Mädchen.

"Lass sie nur kommen", sagte der Knabe, "dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und dann schmilzt sie."

Am Abend begann es zu schneien. Eine der Schneeflocken begann zu wachsen und wurde schließlich zu einer Frau, die in einem weißen Flor gekleidet war. Sie war schön und fein, aber von Eis und dennoch lebendig. Ihre Augen blitzten wie zwei klare Sterne, aber es war keine Ruhe noch Rast in ihnen. Die Frau blickte auf das Fenster und winkte Karl zu, der erschrak und sprang von seinem Stuhle.

Am nächsten Tag wurde es klarer Frost und der Frühling kam. Die Vögel zwitscherten und die Kinder konnten wieder in ihren kleinen Gärten sitzen. Die Rosen blühten prachtvoll. Das kleine Mädchen hatte in diesem Sommer ein Lied gelernt:

"Die Rosen, sie blühen und verwehen,

Wir werden das Christkind wieder sehen!"

Karl und Gretchen saßen und blickten in das Bilderbuch mit Tieren und Vögeln, als Karl sagte: "Au, es stach mir in das Herz! Und nun flog mir etwas in das Auge!"

Das kleine Mädchen nahm ihn um den Hals, er blinzelte mit den Augen, aber es war gar nichts zu sehen.

"Ich glaube, es ist fort!" sagte er, aber weg war es nicht. Es war einer der Splitter des Zauberspiegels, welcher alles Große und Gute, klein und hässlich erscheinen lässt. Der arme Karl hatte auch ein Korn gerade in das Herz hinein bekommen.

"So siehst Du hässlich aus! Mir fehlt ja nichts! Pfui!" rief Karl auf einmal, "die Rose dort hat einen Wurmstich! Und sieh, diese da ist ja ganz schief! Im Grunde sind es hässliche Rosen! Sie gleichen dem Kasten, in welchem sie stehen!" und er stieß mit den Füßen gegen den Kasten und riss die beiden Rosen ab.

Gretchen erschrak, Karl verschwand in sein Fenster und ließ das kleine Mädchen allein.

Karl veränderte sich. Er machte sich über seine Großmutter und die Menschen auf der Straße lustig, begann wie sie zu reden und ihnen nachzugehen. Alles, was ihnen eigen und unschön war, das machte Karl nach, und dann sagten die Leute: "Das ist sicher ein ausgezeichneter Kopf, den der Knabe hat!" Aber das war das Glas, was ihm in das Auge gekommen war.

Eines Tages ging Karl mit großen Handschuhen und seinem Schlitten auf den großen Platz, wo die anderen Jungen spielen. Dort banden die Jungs ihr Schlitten an die Wagen der Leute und fuhren ihnen hinterher. Da kam plötzlich ein großer Schlitten, der war ganz weiß. Die Person darin war in weißen Pelz und Mütze gehüllt. Karl band seinen kleinen Schlitten fest und nun fuhr mit. Die Schlitten fuhren schneller und schneller. Immer wenn Karl seinen Schlitten ablösen wollte, nickte ihm der Fahrer von dem großen Schlitten zu und Karl blieb sitzen. Schließlich fuhren sie zu den Stadttoren hinaus, Schnee begann zu fallen und der kleine Knabe konnte keine Hand vor sich erblicken. Da versuchte er von dem großen Schlitten loszukommen, aber das half nichts, sein kleines Fahrzeug hing fest. Er rief ganz laut, aber niemand konnte ihn hören.

Die Schneeflocken wurden größer und größer, bis der große Schlitten hielt. Der Fahrer des Schlittens war eine Frau, deren Pelz und Mütze gar aus Schnee waren. Es war die Schneekönigin.

"Wir sind gut gefahren!" sagte sie, "Aber wer wird frieren! Krieche in meinen Bärenpelz!" Sie setzte Karl neben sich auf den Schlitten und legt den Pelz über ihn.

"Friert Dich noch?" fragte sie, und dann küsste sie ihn auf die Stirn. Erst war es, als sollte er sterben, aber dann spürte er nichts mehr von der Kälte.

Die Schneekönigin küsste den Jungen erneut und dann hatte er Gretchen, die Großmutter und alle anderen vergessen.

"Nun bekommst Du keine Küsse mehr", sagte sie, "denn sonst küsse ich Dich tot!"

Karl sah sie an und fühlte gar keine Furcht. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meere und Länder.

Ende

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