Die Schneekönigin - Dritte Geschichte. Der Blumengarten bei der Frau, welche zaubern konnte.

Karl blieb verschwunden, niemand wusste wo er ist und das kleine Mädchen war traurig. Die anderen Jungs vom großen Platz erzählten nur, dass ein Schlitten ihn aus der Stadt gefahren hatte, doch niemand wusste wohin. Das kleine Gretchen weinte lange und dachte er sei tot.

Dann kam der Frühling und die ersten warmen Sonnenstrahlen.

"Karl ist tot!" sagte das kleine Gretchen.

"Das glaube ich nicht!" sagte der Sonnenschein.

"Er ist tot!" sagte sie zu den Schwalben.

"Das glauben wir nicht!" erwiderten diese, aber Gretchen glaubte ihnen nicht.

"Ich will meine neuen, roten Schuhe anziehen", sagte sie eines Morgens, "die welche Karl noch nie gesehen hat, und dann will ich zum Flusse hinunter gehen und diesen nach ihm fragen!"

Sie ging alleine aus der Stadt und zum Fluss. Dort fragte sie: "Ist es wahr, da Du meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will Dir meine roten Schuhe geben, wenn Du mir ihn wiedergeben willst!"

Das Wasser begann zu Wogen und diese schienen dem Mädchen wie ein Nicken. Also nahm sie ihre roten Schuhe und warf sie in den Fluss, doch sie fielen dicht an das Ufer, sodass kleinen Wellen sie wieder an Land trugen. Gretchen glaubte, dass sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen hatte, und so warf die Schuhe von einem kleinen Boot in das Wasser. Aber das Boot war nicht festgebunden, und es glitt vom Land ab; Gretchen wollte sich retten doch das Boot trieb zu schnell.

Gretchen erschrak und begann zu weinen. Doch niemand hörte oder sah das hilflose Mädchen.

"Vielleicht trägt mich der Fluß zu dem kleinen Karl hin!" dachte Gretchen und da wurde sie fröhlich. Nach einigen Stunden auf dem Fluss kam sie zu einem Kirschgarten mit einem kleinen Häuschen. Gretchen rief nach Hilfe, und eine alte Frau kam aus dem Hause. Die Frau stützte sich auf einen Krückenstock und hatte einen großen Sonnenhut auf.

"Du kleines, armes Kind!" sagte die alte Frau. "Wie bist Du doch auf den großen, reißenden Strom gekommen und weit in die Welt hinaus getrieben?" Die alte Frau kam an das Wasser, erfasste mit ihrem Krückstock das Boot und zog Gretchen heraus.

"Komm doch und erzähle mir, wer Du bist, und wie Du hierher kommst?" sagte die alte Frau.

Gretchen erzählte ihr alles, doch auch die Frau hatte Karl nicht gesehen. Um Gretchen zu trösten bot sie ihr ein paar Kirschen an. Gretchen und die Frau gingen in das kleine Häuschen.

"Nach einem so lieben kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt!" sagte die Alte. "Nu wirst Du sehen, wie gut wir mit einander leben werden!" Und während sie dem kleinen Gretchen das Haar kämmte, vergaß diese ihren Karl mehr und mehr. Die alte Frau konnte zaubern.

In den nächsten Tagen spielte Gretchen mit den wunderschönen Gartenblumen und den waren Sonnenstrahlen. Eines Tages betrachtete Gretchen den Sonnenhut der alten Frau, der mit Blumen bemalt war. Die schönste darunter war eine Rose. Das Mädchen sprang auf und sagte: "Was! Sind hier keine Rosen?" Sie begann nach den Blumen zu suchen, aber fand keine. Die Zauberin hatte die Rosensträucher verschwinden lassen, so dass sich Gretchen nicht an Karl erinnern möge. Da begann sei zu weinen. Ihre Tränen fielen auf eine Stelle, wo früher ein Rosenstrauch war, und als sie die Erde berührten, wuchs ein wunderschöner Rosenstrauch. In diesem Moment erinnerte sich an ihre Rosen daheim und an den kleinen Karl.

"Ich wollte ja den kleinen Karl suchen! – Wisst Ihr nicht, wo er ist?" fragte sie die Rosen. "Glaubt Ihr, er sei tot?"

"Tot ist er nicht" sagten die Rosen. "Wir sind ja in der Erde gewesen, dort sind ja alle die Toten, aber Karl war nicht da!"

"Ich danke Euch!" sagte das kleine Gretchen. Sie befragte die anderen Blumen, aber keine der Blumen gab ihr eine Antwort. So lief sie ans Ende des Gartens. Sie drückte auf die verrostete Klinke der Gartentür, sodass diese aufsprang. Gretchen lief mit bloßen Füßen in die weite Welt hinaus. Sie blickte dreimal zurück, aber da war niemand, der sie verfolgte. Sie setzte sich auf einen großen Stein und sah, dass der Sommer vorbei war.

"Gott, wie habe ich mich verspätet!" sagte das kleine Gretchen. "Es ist ja Herbst geworden, da darf ich nicht ruhen!" und so ging sie weiter. Nach einiger Zeit waren ihre kleinen Füße müde und die Gegend um sie herum war kalt und rau.

Ende

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