Die Schneekönigin - Vierte Geschichte. Prinz und Prinzessin.

Gretchen ruhte sich aus. Da hüpfte dort auf dem Schnee, an der Stelle, wo sie saß, gerade gegenüber, eine große Krähe. Diese fragte das Mädchen, wohin sie allein in die weite Welt hinausgehe. Sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Geschick, und fragte, ob sie Karl nicht gesehen habe.

Die Krähe nickte und sagte: "Das könnte sein!"

"Wie? Glaubst Du?" rief das kleine Mädchen und war sehr glücklich.

Die Krähe sagte: "Ich glaube, es kann der kleine Karl sein! Aber nun hat er Dich sicher über der Prinzessin vergessen!"

"Wohnt er bei einer Prinzessin?" fragte Gretchen.

"Ja, höre!" sagte die Krähe und sie begann zu erzählen.

"In diesem Königreich, in welchem wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist ganz außerordentlich klug. Vor kurzem sitzt sie auf dem Throne und das ist doch nicht angenehm, sagt man, da fängt sie an ein Lied zu singen: 'Weshalb sollte ich mich nicht verheiraten?Höre, da ist etwas daran', sagte sie, und so wollte sie sich verheiraten, aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstand, wenn man mit ihm sprach, einen, der nicht nur stand und vornehm aussah, denn das ist zu langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese hörten, was sie wollte, wurden sie sehr vergnügt. 'Das mag ich leiden!' sagten sie, 'daran dachte ich neulich auch!' Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rande von Herzen und der Prinzessin Namenszug heraus. Man konnte darin lesen, dass es jedem jungen Mann, der gut aussah, frei stehe, auf das Schloss zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen, und derjenige, welcher rede, dass man hören könne, er sei dort zu Hause, und der am besten spreche, den wolle die Prinzessin zum Mann nehmen! Die Leute strömten herzu, da war ein Gedränge und ein Laufen, aber es glückte nicht, weder den ersten noch den zweiten Tag. Sie konnten alle gut sprechen, wenn sie draußen auf der Straße waren, aber wenn sie in das Schlosstor traten, dann wurden sie verwirrt und standen sie vor dem Thron und wussten nichts zu sagen. Es war am dritten Tag, da kam eine kleine Person, ohne Pferd oder Wagen, ganz fröhlich gerade auf das Schloss marschiert. Seine Augen glänzten wie Deine, er hatte schöne, lange Haare, aber sonst ärmliche Kleider."

"Das war Karl!" jubelte Gretchen. "Oh, dann habe ich ihn gefunden!" und dann klatschte sie in die Hände.

"Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken!" sagte die Krähe.

"Nein, das war sicher sein Schlitten," sagte Gretchen, "denn mit dem Schlitten ging er fort!"

"Das kann wohl sein" sagte die Krähe, "fröhlich ging er zur Prinzessin hinein."

Gretchen fragte: "Und Karl hat doch die Prinzessin erhalten?"

"Er soll ebenso gut gesprochen haben, wie ich spreche, wenn ich die Krähensprache rede, dass habe ich von meiner zahmen Geliebten gehört. Er war fröhlich und niedlich. Er war gar nicht gekommen zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu hören, und die fand er gut, und sie fand ihn wieder gut."

"Ja, sicher, das war Karl!" sagte Gretchen. "Er war so klug, er konnte die Kopfrechnung mit Brüchen! – O, willst Du mich nicht auf dem Schlosse einführen?"

"Ja, das ist leicht gesagt!" sagte die Krähe. "Aber wie machen wir das?" Die Krähe wollte seine Geliebte befragen und flog davon.

Am späten Abend kam die Krähe wieder und erklärte Gretchen, dass sie nicht in der Schloss hineinkommen werde, denn sie hatte keine Schuhe an. Gretchen begann zu weinen, aber der Vogel versuchte sie zu beruhigen. Sie könnten es durch eine Hintertreppe versuchen. So gingen die beiden in den Schlossgarten und zur Hintertür.

Als sie auf der Treppe waren, trafen sie die Verlobte der Krähe, die auch eine Krähe war. Plötzlich hatte Gretchen das Gefühl jemand wäre hinter ihnen, wie ein Schatten an der Wand. Sie gelangten in das Schloss und in den ersten Saal. Sie gingen weiter und ein Saal war prächtiger als der andere. Sie kamen schließlich in ein Schlafgemach. Auf einem weißen Bett lag die Prinzessin; auf einem roten der kleinen Karl, so dachte sie. Er erwachte, wendete das Haupt und – es war nicht der kleine Karl.

Da weinte das kleine Gretchen und erzählte ihre ganze Geschichte.

"Du armes Kind!" sagten der Prinz und die Prinzessin.

Der Prinz und die Prinzessin boten Gretchen ein Bett an und das kleine Mädchen schlief sofort ein. Am darauffolgenden Tag wurde sie neu eingekleidet, bekam einen Wagen mit Pferd und fuhr in die Welt hinaus.

Ende

  

Weitere Märchen von Christian Andersen

Die Schneekönigin - Vierte Geschichte. Prinz und Prinzessin. | Christian Andersen | Märchen