Die Schneekönigin - Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen.

Gretchen fuhr in ihrer Kutsche in einen dunklen Wald, als sie von Räubern entdeckt wurde. Sie sahen die Kutsche und riefen: "Das ist Gold! das ist Gold!" Wenige Augenblicke später stürzten sie sich auf den Wagen, töteten die Diener und zogen das kleine Mädchen aus ihr hinaus.

"Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Nußkernen gefüttert!" sagte ein altes Räuberweib. Doch bevor die Frau Gretchen mit einem Messer töten konnte, schrie sie auf. Ein kleines Mädchen, dass auf ihrem Rücken saß, biss der alten Frau ins Ohr und schrie: "Sie soll mit mir spielen!"

Nach langem hin und her, stieg das Räubermädchen in den Wagen und sie alle fuhren tiefer in den Wald hinein. Die Kleine war etwa so groß wie Gretchen, doch war sie verzogen, wild und sehr stark. Sie umarmte Gretchen und sprach: "Sie sollen Dich nicht schlachten, so lange ich Dir nicht böse werde! Du bist wohl eine Prinzessin?"

Gretchen verneinte dies und begann ihre Geschichte zu erzählen von Karl und dem Kirschgarten, den Krähen sowie dem Prinz und der Prinzessin. Das Räubermädchen hörte zu und nickte mit dem Kopf bis sie schließlich sagte: "Sie sollen Dich nicht schlachten, selbst wenn ich Dir böse werde, dann werde ich es schon selbst tun!"

Nach einer Weile begann die Kutsche langsamer zu fahren und hielt an, sie waren im Schloss der Räuber angekommen. Das Schloss wirkte trotz vieler Löcher sehr robust. In dem großen alten Saal des Schlosses brannte ein Feuer auf dem Steinfußboden, darauf befand sich ein Kessel mit Suppe. Die Mädchen bekamen zu essen und zu trinken. Nachdem sie fertig waren, sagte das Räubermädchen zu Gretchen, dass sie bei ihr schlafen solle. So gingen sie in eine Ecke des Raumes in der Stroh und Teppiche lagen. Über der Schlafstelle saßen über hundert Tauben und schliefen. Das Mädchen sagte stolz: "Die gehören mir alle!" Dann nahm das Mädchen eine der Taube, schüttelte sie an den Füßen und rief: "Küsse sie!" und schlug sie Gretchen ins Gesicht. Das Räubermädchen zeigte ihr noch mehr Tiere bis die beiden sich schließlich schlafen legten. Doch bevor sie die Augen zu machten, zog das kleine Mädchen ein Messer aus ihrer Tasche.

"Willst Du das Messer behalten, wenn Du schläfst?" fragte Gretchen. "Ich schlafe immer mit dem Messer!" antwortete das kleine Räubermädchen. "Man weiß nie, was vorfallen kann. "Das Räubermädchen legte ihren Arm um Gretchens Hals und begann zu schlafen. Doch Gretchen konnte nicht schlafen, denn sie wusste nicht ob sie leben oder sterben würde.

Die Waldtauben begannen zu sagen: "Kurre, kurre! wir haben den kleinen Karl gesehen. Er saß im Wagen der Schneekönigin."

"Was sagt Ihr dort oben?" rief Gretchen. "Wohin reiste die Schneekönigin?"

"Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis! Frage das Rentier, welches am Strick angebunden steht."

Das Rentier sagte: "Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut!"

"O Karl, kleiner Karl!" seufzte Gretchen.

"Nun musst Du still liegen," sagte das Räubermädchen, "sonst stoße ich Dir das Messer in den Leib!"

Am nächsten Tag erzählte Gretchen dem Räubermädchen von den Worten der Tauben und des Rentiers. Und das Mädchen erwiderte: "Höre! Du siehst, alle unsere Mannsleute sind fort, jedoch die Mutter ist noch hier und sie bleibt zu Hause. Gegen Mittag aber trinkt sie aus der großen Flasche und schlummert dann ein wenig darauf – dann werde ich etwas für Dich tun!"

Der Morgen verging und wie das Räubermädchen sagte, trank die Mutter zur Mittagszeit aus der Flasche und schlief ein. Das Mädchen sagte zum Rentier:

"Ich will deine Schnur lösen und dir hinaus helfen, damit Du nach Lappland laufen kannst. Du musst aber tüchtig springen und dieses kleine Mädchen zum Schloss der Schneekönigin bringen."

Gretchen setzte sich auf das Rentier und begann vor Freude zu weinen. Das Räubermädchen führte das Rentier aus dem Schloss und es rannte nach Lappland.

Ende

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