Die Schneekönigin - Sechste Geschichte. Die Lappin und die Finnin.

In Lappland angekommen hielten das Rentier und Gretchen vor einem kleinen Haus. In dieser kleinen Hütte lebte eine Lappin. Das Rentier begann seine Geschichte und die von Gretchen zu erzählen. Die Lappin sagte: "Ach, Ihr Armen, da habt Ihr noch weit zu laufen! Ihr müsst über hundert Meilen weit nach Finnmarken hinein, denn dort wohnt die Schneekönigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde ein paar Worte auf einen trockenen Klippfisch schreiben, Papier habe ich nicht, den werde ich Euch für die Finnin dort oben mitgeben. Die kann Euch besser Bescheid erteilen als ich."

Gretchen wärmte sich am Feuer des Hauses auf, aß und trank eine Kleinigkeit und stieg wieder auf das Rentier. Das Tier rannte die ganze Nacht, bis sie schließlich nach Finnland kamen. Dort klopften sie an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte nicht einmal eine Tür. In dem Schornstein war eine solche Hitze, dass die Finnin fast komplett nackt die Tür öffnete. Die Finnin hob das Mädchen vom Rentier, zog ihr Schuhe und Handschuhe aus und legte dem Tier ein kühlendes Stück Eis auf den Kopf. Sie nahm den Klippfisch und laß.

Nun erzählte das Rentier zuerst seine Geschichte, dann die des kleinen Gretchen, und die Finnin blinzelte mit den klugen Augen, sagte aber gar nichts.

"Du bist klug!" sagte das Rentier. "Willst Du nicht dem kleinen Mädchen einen Trank geben, dass sie Zwölf-Männer-Kraft erhält und die Schneekönigin überwindet?"

"Zwölf-Männer-Kraft", sagte die Finnin, "ja, dass würde viel helfen!" Außerdem erzählte die Finnin, dass der kleine Karl noch bei der Schneekönigin sei und diesen Ort als den schönsten auf Erden sieht.

"Das kommt aber davon, weil er einen Glassplitter in das Herz und ein kleines Glaskörnchen in das Auge bekommen hat. Die müssen zuerst heraus, sonst wird er nie ein Mensch und die Schneekönigin wird die Gewalt über ihn behalten!"

"Aber kannst Du nicht dem kleinen Gretchen etwas eingeben, sodass sie Gewalt über das Ganze erhält?"

"Ich kann ihr keine größere Gewalt geben, als sie schon besitzt! Siehst Du nicht, wie groß diese ist? Sie kann ihre Macht nicht von uns erhalten, diese sitzt in ihrem Herzen und besteht darin, dass sie ein liebes, unschuldiges Kind ist. Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin, dahin kannst Du das kleine Mädchen tragen. Setze sie beim großen Busche ab, welcher mit roten Beeren im Schnee steht, verliere aber nicht viele Worte und spute Dich, hierher zurückzukommen."

Die Finnin hob Gretchen wieder auf das Rentier und es lief los. Doch Gretchen rief nach ihren Schuhen und Fausthandschuhen, doch das Rentier wagte nicht anzuhalten bis es nicht im Garten der Schneekönigin war. Am Busch mit den roten Beeren setzte das Rentier Gretchen ab und rannte wieder zurück. Da stand das arme Gretchen ohne Schuhe, ohne Handschuh, mitten in dem fürchterlich eiskalten Finnmarken.

Sie lief vorwärts, so schnell sie konnte, bis sie am Schloss der Königin angekommen war.

Ende

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