Die Schneekönigin - Siebente Geschichte. Vor dem Schloss der Schneekönigin und was sich später darin zutrug.

Das Schloss bestand aus vielen hunderten Sälen, deren Wände vom treibenden Schnee gebildet wurden. Der kleine Karl war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, doch er merkte es nicht, denn die Königin hatte ihm den Frostschauer weg geküsst, und außerdem glich sein Herz einem Eisklumpen.

Karl war allein in dem großen Schloss, denn die Schneekönigin reiste durch die Welt und ließ es überall schneien. Das kleine Gretchen trat durch das Tor des Schlosses und erblickte den kleinen Karl. Sie erkannte ihren Freund, flog ihm um den Hals und rief: "Karl! lieber kleiner Karl! Da habe ich Dich endlich gefunden!"

Doch er rührte sich nicht, denn er war steif und kalt. Das kleine Mädchen begann zu weinen und die warmen Tränen fielen auf seine Brust und drangen in sein Herz. Der Eisklumpen taute auf und verzehrten das kleine Spiegelstück darin. Er blickte sie an, und sie sang:

"Rosen, die blühen und verwehen.

Wir werden das Christkindlein sehen!"

In diesem Moment begann auch Karl zu weinen, so dass ihm das Spiegelkörnchen aus dem Auge schwamm. Er sah Gretchen und rief: "Gretchen! liebes, kleines Gretchen! – Wo bist Du doch so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?" Er klammerte sich an Gretchen, und sie lachte und weinte vor Freude.

Sie fassten sich an den Händen und wanderten aus dem großen Schloss. Als die beiden den Busch mit den roten Beeren erreichten, sahen sie das Rentier. Karl und Gretchen ritten zuerst zur Finnen um sich aufzuwärmen, dann zur Lappin, die ihnen neue Kleider nähte. An der Grenze Lapplands begann das erste Grün zu sprießen, dort verabschiedeten sich die beiden Kinder von dem Rentier und der Lappin.

Sie erreichten einen Wald aus dem ein Pferd gerannt kam auf dem ein kleines Mädchen mit roter Mütze saß, die Räubertochter. Nachdem Karl und Gretchen von ihren Abendteuern erzählt hatten, verabschiedete sich das Räubermädchen und ritt davon.

Die beiden Kinder gingen Hand in Hand zurück in ihre Stadt, die Treppen zu ihren Wohnungen hinauf und durch die Tür der Großmutter. Doch als sie durch die Tür gingen, bemerkten sie, dass sie erwachen geworden waren.

Karl und Gretchen sahen einander in die Augen, und sie verstanden auf einmal den alten Gesang:

"Rosen, die blühen und verwehen.

Wir werden das Christkindlein sehen."

Da waren die beiden, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen.

Ende

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