Die goldene Gans

Es war einmal ein Mann mit drei Söhnen. Der jüngste Sohn hörte auf den Namen "Dummling" und war stetem Spott ausgesetzt. Eines Tages brach der älteste Sohn in den Wald auf, von seiner Mutter gegen den Hunger mit einem Eierkuchen und einer Flasche Wein versorgt. Im Wald traf er auf ein greises Männlein. Es grüßte ihn und fragte freundlich nach einem Kuchenstück und einem Schluck von dem Wein. Der Sohn aber entgegnete: "Scher dich hinweg, mein Essen bleibt mir." Nachdem das Männlein fortgegangen war, fing er an, einen Baum zu hacken und stieß sich die Axt ins Bein und eilte nach Hause.

Nun ging der zweite Sohn gleichermaßen bepackt in den Wald. Auch von ihm begehrte das Männlein eine Kostprobe von Speis und Trank und bekam die gleiche Antwort. Als Strafe hieb auch er sich beim Fällen eines Baumes ins Bein. Der Dummling wandte sich an seinen Vater und wünschte, in den Wald geschickt zu werden. Folglich bat das Männlein den Dummling ebenfalls um etwas Essen. Er antwortete: "In meinem Besitze sind nur Aschekuchen und Sauerbier. Genügt dies dir, so lass uns speisen." Da setzten sie sich und aßen und tranken. Bevor das Männlein entschwand, sagte es: "Es soll dir Gutes widerfahren, weil dein Herz rein und voller Hilfsbereitschaft ist. An den Wurzeln des alten Baumes dort drüben wirst du etwas finden."

Der Dummling fällte den Baum und fand eine Gans mit Federn aus reinem Gold. Er nahm sie mit in eine Gaststätte, wo er zu nächtigen gedachte. Die drei Töchter des Wirtes bestaunten den wundersamen Vogel und begehrten seine Federn. Als der Dummling einmal hinaus gegangen war, griff die älteste Tochter nach einem Flügel und blieb an ihm kleben. Das gleiche Schicksal ereilte die zweite und die dritte Schwester.

Am nächsten Morgen nahm der Dummling die Gans und brach auf, ohne sich während seines raschen Ganges an den daran hängenden Mädchen zu stören. Ein Pfarrer rief: "Was lauft ihr Weiber dem armen Jungen hinterher?" Doch als er die jüngste Schwester wegzerren wollte, konnte auch er sich nicht mehr lösen. Ebenso erging es dem Küster, der nicht begriff, warum der Pfarrer derart geschwind mit den jungen Menschen spazierte. Zwei Bauern kamen in Sichtweite und wurden von dem Pfarrer gebeten, ihn und den Küster zu lösen, doch auch sie blieben hängen. So hatte der Dummling ein Gefolge von sieben Leuten.

Er erreichte eine Stadt, die von einem König beherrscht wurde. Dessen Tochter war durch keinen Menschen zum Lachen zu bringen. Darum hatte er das Gesetz beschlossen, dass derjenige, der sie lachen ließe, sie heiraten solle. Der Dümmling trat vor die Tochter und wirkte mit seinem hinterher trippelnden Gefolge dermaßen ulkig, dass die Tochter aus dem Lachen nicht mehr herauskam. Der König aber hielt sich nicht an sein Versprechen und verlangte, der Dummling müsse zuerst einen Mann liefern, der es vermag, einen ganzen Weinkeller leer zu saufen. "Das alte Männlein wird mir helfen können", dachte der Dümmling und sucht es im Wald. An dem Ort des gefällten Baumes traf er auf einen Mann mit trauriger Miene. Auf die Frage, was im fehle, antwortete der Mann: "Ich habe ein ganzes Weinfass ausgeleert und trotzdem ist mein Durst nicht ansatzweise gestillt."

Also brachte der Dummling ihn in den Keller des Königs, wo er alle Fässer austrank. Dem König aber war der Dummling als Schwiegersohn zu schlecht geraten und forderte nun einen Mann zu finden, der einen Berg Brot verschlingen könne. Im Wald wurde der Junge bei dem abgehackten Baum erneut fündig und brachte den nächsten Mann in die Stadt, wo dieser innerhalb eines Tages einen mächtigen Berg aus Broten aufaß. Doch der König stellte eine dritte Bedingung: "Bring mir ein Schiff, das auch zu Land segeln kann." Dieses Mal fand der Dummling im Wald keinen Mann, sondern das alte Männlein selbst. Es sprach: "Ich leerte den Weinkeller und aß das Brot, nun werde ich dir das Schiff geben, denn du hast mir deine Barmherzigkeit offenbart." Mit dem Schiff, das sich auf Wasser wie Land bewegte, gewann der Dummling schließlich die Königstochter und erbte später das Reich des Königs, im dem er lange und voller Glück lebte.

Ende

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