Brüderchen und Schwesterchen

Brüderchen und Schwesterchen hatten es schwer bei der bösen Stiefmutter. Deshalb liefen sie eines Tages von zu Hause weg. Abends kamen sie in einen Wald, wo sie die Nacht verbrachten.

Am anderen Morgen hatte das Brüderchen großen Durst. Sie suchten nach einem Brunnen. Aber die Stiefmutter, die eine Hexe war, hatte alle Brunnen im Wald verwünscht.

Brüderchen und Schwesterchen fanden den Brunnen. Er sprach zu ihnen: "Wer aus mir trinkt, wird ein Reh."

"Trink nicht", bat das Schwesterchen. "Wenn du ein Reh bist, läufst du mir fort."

Aber das Brüderchen hörte nicht auf sein Schwesterchen. Nach den ersten Tropfen geschah es. Das Brüderchen wurde in ein Reh verwandelt. Das Schwesterchen nahm sein goldenes Strumpfband ab und band es dem Reh um den Hals. Aus Binsen flocht es ein Seil. Daran band sie das Reh und führte es. Tief im Wald kamen sie an ein leerstehendes Haus. Dort lebten sie zufrieden.

Eines Tages hörten sie Hundegebell. Der König war mit seinen Jägern unterwegs. Das Reh wollte unbedingt dabei sein. Das Schwesterchen willigte ein. "Aber abends kommst du wieder. Klopf gegen die Tür und sage: Mein Schwesterlein, lass mich herein … Dann weiß ich, du bist es." So sprang das Rehlein fröhlich neben der Jagdgesellschaft her und kehrte abends wieder nach Hause zur Schwester, wie sie es ihm gesagt hatte.

Am nächsten Tag war das Reh wieder voller Ungeduld, als es die Jagdhörner hörte und bat seine Schwester erneut, es hinaus zu lassen. Das Schwesterchen mahnte ihr Brüderchen wieder zur Heimkehr, bei der es das gleiche Sprüchlein sagen sollte. Das Reh sprang hinaus und folgte den Jägern. Doch dieses Mal erblickten der König und seine Jäger das Reh mit dem goldenen Halsband und jagten es durch den ganzen Wald. Weil das Rehlein so flink war, konnten es die Männer nicht erhaschen. Doch abends hatten sie es endlich umzingelt. Dabei wurde das Tier am Fuß verletzt, sodass es langsam nach Hause hinken musste. Der Jäger aber schlich ihm bis zur Hütte nach und hörte, wie das Rehlein an der Tür klopfte und sein Sprüchlein aufsagte. Das Schwesterchen öffnete und war sehr erschrocken, das Reh verwundet zu sehen. Es ließ sein Brüderchen hinein und schloss die Tür. Der Jäger, der aus seinem Versteck alles gesehen hatte, lief zum König und berichtete von dem Geschehen. Da befahl der König seinen Jägern, das Reh mit dem goldenen Halsband am nächsten Tag zu fangen, ihm aber kein Leid zuzufügen. Der König selbst ging am nächsten Abend zum Haus im Wald und bat: "Mein Schwesterlein, lass mich herein …"

Als die Tür geöffnet wurde, sah er ein wunderschönes Mädchen. Das Schwesterchen aber erschrak. Der König sah das Mädchen freundlich an und fragte: "Willst du meine Frau sein und auf meinem Schloss wohnen?" "Ja", sagte sie. "Aber das Reh muss auch mit." Der König war einverstanden. Er hatte das Reh bereits in sein Schloss bringen lassen. Bald feierten er und das Schwesterchen Hochzeit. Das Reh vergnügte sich im Schlossgarten. Die böse Stiefmutter aber erfuhr vom Glück der Kinder. Sie war voller Missgunst und wünschte ihre einäugige Tochter an die Stelle des Schwesterchens.

Die Königin indes gebar am Hofe einen Jungen. Die Stiefmutter verwandelte sich in eine Kammerfrau und verschaffte sich Zutritt zum Zimmer der Königin. Ihre hässliche Tochter hatte sie auch mitgebracht. "Willst du nicht ein Bad nehmen?", fragte die Hexe ihre Stieftochter, die Königin. Im Badezimmer war es höllisch heiß. Die Stiefmutter verriegelte die Tür. Die junge Königin erstickte. Die Stiefmutter kleidete ihre Tochter wie die Königin und legte sie ins Bett. Nur das verlorene Auge konnte sie nicht ersetzen. Trotzdem fiel der König auf den Trick herein. Die verwandelte Stiefmutter machte ihm weiß, seine Frau sein krank und müsse daher im Bett bleiben.

Jede Nacht jedoch, kam die echte Königin und stillte ihren Jungen. Dies bemerkte bald die Kinderfrau. Nachdem sie des Nachts wieder die Gestalt der Königin sah und diese sagen hörte: "Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?", beschloss die Kinderfrau ihrem König davon zu berichten. Die darauffolgende Nacht verbrachte der König im Kinderzimmer. Um Mitternacht erschien die Königin und stillte ihren Sohn. Der König hatte sich hinter einem Vorhang verborgen.

"Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?", sagte die Königin für sich.

Der König trat hervor und sagte: "Du kannst niemand anders sein, als meine liebe Frau."

"Ja", antwortete sie. Und auf einmal wurde sie wieder lebendig.

Der König bestrafte die Stiefmutter und ihre Tochter, deren Missetat nun aufgedeckt war. Als die Hexe zu Asche verbrannt war, erhielt auch das Brüderchen seine menschliche Gestalt zurück. Von da an lebten alle glücklich bis an ihr Ende.

Ende

  

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